SDGs im Kampf gegen Ungleichheit in Lateinamerika
SDGs im Kampf gegen Ungleichheit in Lateinamerika

SDGs im Kampf gegen Ungleichheit in Lateinamerika

Ein Beitrag von Sergej Färber, Meltem Seferinoglu und Levent Can Reyhanioglu

Während der letzten Jahre wurden Stimmen, die sich für eine nachhaltige Entwicklung aussprechen, immer lauter. Die voranschreitende Erwärmung des Planeten und die damit mitschwingenden akuten Gefahren für die Menschheit können nur verlangsamt oder aufgehalten werden, indem sich Wirtschaft und Gesellschaft vom Wachstumszwang lösen und eine nachhaltige, ressourcenschonende Entwicklung anstreben. Soziale Ungleichheiten hindern diesen Prozess. Soziale Ungleichheiten existieren in mehreren Dimensionen etwa zwischen Klassen und Einkommen, Ethnien und Geschlechtern. Aber auch der Zugang zu existenzsichernden Rohstoffen, Wohnungen oder sozialen Einrichtungen wie Bildung und Gesundheit ist ungleich verteilt. Nachhaltigkeit kann jedoch nur erreicht werden, wenn der Zugang zu natürlichen Ressourcen und sozialen Sicherungssystem gerecht verteilt ist und die gleichen Regeln und Rechte für alle gelten, das heißt wenn sich ein Teil der Gesellschaft nicht aus der Verantwortung ziehen kann oder auf Kosten anderer Ressourcen verbraucht. Gleichzeitig werden Ungleichheiten auch durch einen wachstumsorientieren, ausbeuterischen Umgang mit natürlichen Ressourcen verstärkt, etwa wenn die ökologischen Risiken und Folgen soziale Gruppen ungleich treffen. Zwischen machhaltiger Entwicklung und der Reduzierung von Ungleichheit besteht ein Wechselverhältnis, beides kann mithin nur gemeinsam einreicht werden. Wie wirkt sich diese Interdependenz auf die Erreichung der SDG’s in Lateinamerika aus? Darüber haben wir mit Dr. Bettina Schorr, der Programmdirektorin des “Postgraduate Program on Social Inequalities and Sustainable Development in the Andean Region”, am Lateinamerika Institut der Freien Universität Berlin gesprochen. Das SDG 10 der “2030 Agenda for Sustainable Development“ der UN lautet: „Reduzieren von Ungleichheit innerhalb und zwischen Staaten“ (UN-Resolution 2015, 21). Zehn Unterziele sollen das oben genannte Ziel spezifizieren, darunter z.B.: „Sicherstellen von gleichen Möglichkeiten und reduzieren von Ungleichheit der Ergebnisse […]“ oder Ziel 10b: „Fördern von offizieller Entwicklungshilfe und finanzieller Hilfe, einschließlich direkter Investitionen aus dem Ausland […]“ (ebd., 21). Die Ziele sind hochgesteckt und schon aus diesem Grund ist zu erwarten, dass die SDGs auch 2030 nicht erreicht werden können. Die SDGs sollten gegenüber ihrem Vorgängerprojekt, den Millenium Developmet Goals (MDGs) die Probleme nachhaltiger Entwicklung öffentlicher machen und die betroffenen Regionen des globalen Südens stärker mit in die Diskussion einbeziehen. Im Jahr 2015 wurde die Agenda 2030 verabschiedet und hat bisher wenig Effekte. Eine der am stärksten von Ungleichheit betroffenen Regionen der Welt ist Lateinamerika, viele Staaten dieser Region weisen einen Gini-Koeffizienten von über 0,5 auf. Das bedeutet, dass die oberste Einkommensschicht in Lateinamerika über 50 % des Gesamteinkommens auf sich konzentrieren. Auch Landbesitz ist sehr ungleich verteilt, in Kolumbien etwa, besitzen 0,4 der landbesitzenden 67 % der fruchtbaren Ackerflächen (vgl. Oxfam 2017). Im Jahr 2021 gab es in Lateinamerika 104 Milliardäre, in Argentinien besitzen fünf Milliardäre etwa 5 % des gesamten Haushaltseinkommens des Landes, in Brasilien sind es 65, die 14,2 % des Einkommens auf sich konzentrieren. Von 2019 bis 2020 ist der Anteil von Armen um etwa 3 % gestiegen, was knapp 20 Millionen Menschen sind, der Anteil an Menschen in extremer Armut ist um 0.7 gestiegen, etwa fünf Millionen Menschen.

Foto: Die Favela Heliopolis mit der Skyline von São Paulo. © Adveniat / Florian Kopp

Während Milliardäre von 2019-2020 Verluste verzeichnen mussten, ist ihr Reichtum von 2020 bis 2021, d.h. während der Corona-Pandemie stark angestiegen. Richtiger Fortschritt bei der Bekämpfung von Ungleichheit durch Ziel 10 der SDGs, wurde in Lateinamerika bisher noch nicht erzielt, „da sind sich alle einig“ sagt Bettina Schorr. Für sie liegen die größten Probleme für die Umsetzung der SDGs bei der Ausführung und der Überprüfung. Die Überprüfung ist schwierig, die einzelnen Nationen können ihre eigenen Indikatoren schaffen. Bettina Schorr weist auf ein Transparenzproblem hin: Es „ist immer die Frage, gibt es überhaupt Daten? Wie werden diese Daten erhoben? Wie verlässlich ist es überhaupt, was da an Daten erbracht wird?“. Für eine sinnvolle und nachhaltige Umsetzung der Agenda 2030 braucht es starke Institutionen, die Maßnahmen umsetzen und deren Einhaltung überprüfen können. Institutionen können informelle oder auch formelle Regeln sein. Eine starke Institution definiert Schorr als eine Institution, die ihr definiertes Ziel erreicht. Als Beispiel nennt sie „[…] eine Umweltschutzregel […], die dafür sorgt, dass am Ende, die Umwelt geschützt wird […]“. Aber starke Institutionen, wie Gesetze und Normen schützen nicht vor der Zerstörung der Natur und sozialem Ausschluss: „[…] Exklusion funktioniert oft über informelle Regeln […]“, so Schorr im Interview. Starke Institutionen können zu einem Abbau von Ungleichheiten führen, etwa wenn sie dazu verwendet werden, Reichtum umzuverteilen. Dies ist in Lateinamerika häufig nicht der Fall. Im Gegenteil, je schwächer die Institutionen sind, desto mehr gelingt es den Eliten, ihre Privilegien zu sichern. Je mehr reiche Eliten ihre Privilegien sichern können, desto weniger können sich starke Institutionen für mehr Gleichheit herausbilden. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Im Interview bestätigt Bettina Schorr dieses Dilemma: „[…] Das ist in zahlreichen Studien belegt […], dass mächtige Akteure in der Lage sind, die Regeln des Spiels […] so zu gestalten, dass ihre Vorteile, ihre Benefits […] ihre Privilegien mindestens erhalten, wenn nicht sogar vermehrt werden“. Eliten und Institutionen bilden sozusagen das Bindestück zwischen Ungleichheit und nachhaltiger Entwicklung. Es braucht starke Institutionen mit dem Ziel, Lateinamerika vom Zwang der Rohstoffausbeutung und des Rohstoffexports zu befreien und gleichzeitig den angehäuften Reichtum umzuverteilen. Der sogenannte „Rohstoff- und Agrarextraktivismus“ zeigt, wie sehr Ungleichheit und eine nicht-nachhaltige Entwicklung zusammenhängen. Für den Export von Agrarprodukten werden Wälder gerodet und Lebensraum für Mensch und Tier zerstört. Von den Profiten dieser Geschäfte sehen die Betroffenen nichts, die Gewinne gehen an die Eliten, die den Großteil der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen besitzen. Als Beispiel führt Bettina Schorr im Interview Staudamm-Projekte auf. Der Bau eines Staudamms mag zwar im nationalen Kontext Vorteile bringen, bei näherer Betrachtung schadet er aber besonders stark der Umwelt und vulnerablen Bevölkerungsgruppen wie Indigene Gruppen, die durch den Bau Zugang zu Flüssen oder Seen verlieren können, auf die sie angewiesen sind. „[…] Wir wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung, Nicht-Nachhaltigkeit und Elitendominanz [gibt]“ schließt Schorr. Die SDG’s sind grundsätzlich ein Schritt in die richtige Richtung, so sieht es auch Bettina Schorr. Die Aufmerksamkeit, die die Agenda 2030 erzeugt, ist wichtig, genauso wie die breitere öffentliche Debatte um die Ziele. Allerdings sind weder die öffentliche Debatte noch die Ziele selbst hinreichend für einen strukturellen Wandel. Die SDG’s zielen auf die Symptome ab, sie wollen Ungleichheit beseitigen, aber das kann nicht funktionieren, ohne die Ursache, das nicht-nachhaltige Wirtschaften und das Fehlen von starken Institutionen zur Implementierung, zu bekämpfen.

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  1. Pingback: Nachhaltigkeit und Entwicklung- zum Scheitern verurteilt?! – Aktuelle Entwicklungen in Lateinamerika

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