Welchen Preis hat die europäische Klimapolitik für den globalen Süden?
Welchen Preis hat die europäische Klimapolitik für den globalen Süden?

Welchen Preis hat die europäische Klimapolitik für den globalen Süden?

Ein Beitrag von Till Baumgardt, Lisa Hosse und Paul Gruber

Foto: Yacimientos de Litio Bolivianos

Obwohl die Coronapandemie und die Ukrainekrise der Klimakrise aktuell Rang 1 in der öffentlichen Wahrnehmung abgelaufen haben, hat Letztere an Aktualität nichts verloren. Extremwetterereignisse wie brennende Wälder in Nordamerika und Australien, Dürren auf Madagaskar oder die Flut im Ahrtal im Sommer 2021 befeuern die Debatte um den richtigen Umgang mit dem menschengemachten Klimawandel. Auch in den SDGs wird das Ziel formuliert, die Klimakrise effektiv und schnell zu bewältigen. Die Frage lautet: Wie? Einig sind sich viele Akteure in der Überzeugung darin, dass eine Wende von fossilen zu erneuerbaren Energieträgern vollzogen werden muss. Aber wo kommen die Rohstoffe wie Kupfer, Lithium und Kobalt für Windräder, Solaranlagen und Elektromotoren in Europa her? Und welche Auswirkungen hat der europäische Rohstoffhunger in anderen Teilen der Welt?

Darüber haben wir mit Dr. Hannes Warnecke-Berger von der Universität Kassel gesprochen. Er beschäftigt sich unter anderem seit vielen Jahren mit Nord-Süd-Beziehungen und Rohstoff- und Entwicklungspolitik, vor allem in Lateinamerika. Wir haben mit ihm über die Zusammenhänge von Rohstoffextraktivismus in Lateinamerika und europäischer Energiewende gesprochen.

In Lateinamerika beginnt die verstärkte Nachfrage nach Rohstoffen in den 1950er Jahren. Zu Beginn stehen „klassische“ Rohstoffe im Vordergrund wie Öl, Eisen, Kupfer oder Gold. Mit der Energiewende steigt jedoch auch der Bedarf an „neuen“, insbesondere mineralischen Rohstoffen wie Lithium oder seltenen Erden, die für Produktion von Klimainfrastruktur notwendig sind. Beispielsweise stecken in einer Off-Shore-Windkraftanlage bis zu 67 Tonnen Kupfer. An dieser Stelle macht Hannes Warnecke-Berger auf das erste große Problem aufmerksam: Durch den lukrativen Rohstoffabbau entsteht eine ungleiche Spezialisierung in den lateinamerikanischen Wirtschaften. Aufgrund des Fokus auf eine Einnahmequelle, die einen großen Anteil des Staatshaushaltes ausmacht, können sich andere starke Wirtschaftszweige kaum herausbilden. Der Staat bleibt von der Prosperität des Rohstoffsektors abhängig.

Die zunehmende Nachfrage nach Rohstoffen in Lateinamerika führt dort zu ökologischen und sozialen Problemen, da der Abbau von Rohstoffen immer einen Eingriff in die lokalen Ökosysteme darstellen. Dabei gilt: Je mehr Fläche verbraucht wird, desto drastischer sind die Auswirkungen auf die Umwelt. Kupfer, das im Tagebau abgebaggert wird, hat im Gegensatz zum Minenabbau besonders weitreichende sozial-ökologische Veränderungen zur Folge. Eine weitere Rolle spielt die Beschaffenheit des Ursprungsmaterials. Die gewünschten Rohstoffe kommen selten so in der Natur vor, wie sie die Industrie zur Weiterverarbeitung benötigt. Im sogenannten Lithium-Dreieck zwischen Argentinien, Bolivien und Chile kommt Lithium in Wasser gelöst vor. Während in Chile durch eine hohe Sonneneinstrahlung das Wasser einfach verdunsten kann und das Lithium als Karbonat zurückbleibt, ist der Extraktionsprozess in Bolivien deutlich aufwändiger und technologieintensiver. Ein Stichwort, welches uns zum nächsten Problem führt: Die Rohstoffproduktion ist zwar sehr technologie- und kapitalintensiv, schafft aber vor Ort nur wenig Arbeitsplätze. Dies verschärft das Problem der ungleichen Spezialisierung, führt Warnecke-Berger aus. Ein verhältnismäßig kleiner Teil der Arbeitskräfte sorgt für einen großen Teil des Staatseinkommens. Durch die hohe Abhängigkeit von einem Wirtschaftszweig entsteht eine instabile Volkswirtschaft.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chuquicamata_Mine_Panorama.jpg?uselang=de (10.02.2022)

Andererseits kann die steigende Nachfrage und damit auch der steigende Preis in begrenztem Maß Umweltschäden verringern. Was zunächst paradox anmutet, ergibt bei näherer Betrachtung Sinn. Viele Rohstoffe sind in Abraumhalden zu finden, die früher – meist verunreinigt – als Abfallprodukte anderer Rohstoffe entsorgt wurden. Mit dem steigenden Preis wird das Recycling dieser Halden durch den Einsatz neuer technologischer Abbaumethoden wieder profitabel, sodass Abfälle wieder aufbereitet werden und ausgebeutet werden können. Auch können durch technische Innovation neue Lagerstätten erschlossen und genutzt werden. Hannes Warnecke-Berger führt dies am Beispiel Brasiliens aus: Seit Jahrzehnten wurde vor der Küste des Landes eine große Öl-Lagerstätte, verborgen unter einer Salzkruste, vermutet. Doch erst in den letzten Jahren wurden technische Verfahren entwickelt diese Kruste zu durchdringen und die Lagerstätte zu vermessen. Durch einen steigenden Öl-Preis lohnt sich nun auch die Ausbeutung von zuvor nicht lukrativen Standorten. Je höher der Preis wird, je mehr die vorhandenen Stätten zur Neige gehen, d.h. je mehr das Angebot sinkt, desto mehr wird von einem Rohstoff gefunden.

Dieses System stärkt jedoch die Rolle multinationaler Konzerne und Firmenkonglomerate weiter. Das technische Know-How für den Ressourcenextraktivismus liegt bei den globalen Rohstoffkonzernen, die ihren Sitz in Europa, Australien oder Nordamerika haben. Durch die starke Spezialisierung auf einzelne Aspekte des Extraktionsprozesses wie der Exploration oder dem kommerziellen Abbau bilden sich zudem schnell Monopolstellungen heraus. Heute ist es einfach zu teuer, die gesamte Produktion in einer Firma zu belassen. Ein Beispiel hierfür ist Schlumberger, die weltweit einzig relevante Firma für die Exploration von Erdöl. Diese Stellung verschafft den sogenannten Multis (multinationale Konzerne) machtvolle Positionen innerhalb der Wertschöpfungskette. Da die Rohstoffe dem Staat gehören, auf dessen Territorium sie gefunden werden, treten die Konzerne in einen Aushandlungsprozess mit den lokalen Autoritäten, um eine Abbaugenehmigung zu erhalten. Da sie als Einzige über Wissen, Kapital und Technologie verfügen, ist es für Staaten schwer, aus Sicht der Unternehmen unpopuläre Maßnahmen zur Besteuerung von Konzernen umzusetzen. Auch dieser Umstand verschärft das Problem der ungleichen Spezialisierung.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass der wachsende Rohstoffhunger der Welt in den Abbauländern zu ökologischen und sozialen Verwerfungen führt. Lateinamerikanische Staaten sind davon abhängig, dass die Nachfrage nach Rohstoffen wie Lithium und Kupfer für den Ausbau erneuerbarer Energien weiter anhält. Gleichzeitig wissen wir, dass keine Energiewende auch keine Lösung ist. Aber wie können wir in Zukunft diese Folgen stoppen oder bekämpfen?

Hannes Warnecke-Berger stellt zunächst fest, dass ökologische und soziale Probleme nicht durch einen abrupten Stopp des Rohstoffextraktivismus beendet werden können: „bisher ist es […] noch nicht gelungen, selbst in Utopien nicht, eine Welt ohne Rohstoffe zu imaginieren“. Die westliche Lebensweise und der westliche Lebensstandard sind massiv von Technologie getragen, die Rohstoffe benötigen. Zudem werde die Debatte um die Energiewende vor allem in Europa geführt. Neue Akteure wie China und Indien haben ebenfalls einen stark steigenden Bedarf an Rohstoffen, gegen den der europäische Rohstoffbedarf vergleichsweise klein wirkt. Für diese Länder werden auch die fossilen Energieträger mittelfristig eine Rolle spielen, sodass die Nachfrage in den nächsten Jahrzehnten kaum abflachen wird. Die Welt wird somit abhängig von den lateinamerikanischen Rohstoffen bleiben, so wie Lateinamerikas Ökonomien abhängig von der Nachfrage nach Rohstoffen bleiben werden.

Der entscheidende Punkt sei ein anderer, sagt Warnecke-Berger. Um die Abhängigkeit der lateinamerikanischen Wirtschaften zu verringern, muss die ungleiche Spezialisierung reduziert werden. Das bedeutet im Umkehrschluss, der globale Norden muss nicht nur mehr, sondern vor allem andere Produkte aus diesen Staaten beziehen, um die lokalen Wirtschaften wieder zu diversifizieren. Möglich sei das beispielsweise über Handelsabkommen, die zwar auch Rohstoffe umfassen, aber zugleich den Aufbau neuer Wirtschaftszweige fördern. So kann sich langfristig die Abhängigkeit der lateinamerikanischen Staaten vom Rohstoffexport verkleinern. Für diese Staaten selbst bedeutet es das Anstoßen von endogenen Prozessen, wie dem Ausbau alternativer Wirtschaftssektoren, obwohl die Abhängigkeit zunächst bestehen bleibt. Praktisch „Wandlung und Kontinuität gleichzeitig“.

2 Kommentare

  1. Pingback: Nachhaltigkeit und Entwicklung- zum Scheitern verurteilt?! – Aktuelle Entwicklungen in Lateinamerika

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