Nachhaltigkeit und Entwicklung- zum Scheitern verurteilt?!
Nachhaltigkeit und Entwicklung- zum Scheitern verurteilt?!

Nachhaltigkeit und Entwicklung- zum Scheitern verurteilt?!

Eine postkoloniale Kritik- von Keno Laabs und Meron Girmay

„die gängige Auffassung von nachhaltiger Entwicklung (…) {lässt} jedoch keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Strategie handelt, die auf die Nachhaltigkeit von „Entwicklung“ zielt und nicht etwa die Erhaltung einer blühenden Vielfalt von Natur und sozialem Leben“. – Gustavo Esteva

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind ein weiterer Versuch der UN, mithilfe von Entwicklungspolitik den Globalen Süden „zu entwickeln“. Das zumindest denken einige Befürworter*innen der postkolonialen Kritik. Doch was ist das Argument der postkolonialen Kritik und wieso sollten wir uns mit den SDGs aus einer postkolonialen Perspektive auseinandersetzen? Mit dieser Frage beschäftigt sich unser Beitrag. Die Frage diskutierten wir auch mit Prof. Dr. Manuela Boatcặ, Professorin für Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Manuela verwies in unserem Gespräch zunächst darauf, dass sich die postkoloniale Theorie und postkoloniale Ansätze seit Langem mit der Geschichte des Entwicklungsgedankens auseinandersetzen. Dieser schwingt „ja bei den SDGs weiterhin“ mit. Er sei sogar zentral, betont Boatcặ. Eine postkoloniale Perspektive auf die SDGs ist „praktisch eine Fortführung der Perspektiven auf Entwicklung, Entwicklungszusammenarbeit und der Entwicklung von Entwicklung an sich auch“. Aber was zeichnet eine postkoloniale Perspektive eigentlich aus? Hierauf erhielten wir folgende Antwort: „Eine postkoloniale Perspektive einzunehmen, bedeutet nicht nur bestimmte Fragen zu stellen, sondern auch einen Standpunkt einzunehmen, das bedeutet, dass „eine theoretische Entscheidung für eine postkoloniale Perspektive (…) gleichzeitig auch eine politische Entscheidung ist“, nämlich gegen die Normalisierung von Folgen und Auswirkungen des Kolonialismus die bis heute fortwirken, was aber kaum noch thematisiert wird in der internationalen Entwicklungspolitik.
Die postkoloniale Theorie und Kritik setzt sich also mit den Folgen und Auswirkungen des Kolonialismus auseinander. Diese zeigen sich etwa in bestehenden globalen Machtasymmetrien und der Dominanz des Westens in vielen Bereichen, auch in Bezug auf Entwicklungsideen und -vorstellungen.
Darüber hinaus fragt die postkoloniale Kritik nach Kontinuitäten kolonialer Sichtweisen in der internationalen Politik, im Entwicklungsdenken und in Entwicklungsdiskursen. Auf der einen Seite haben wir den „Westen“ oder „Globalen Norden“, der sich nach eigener Auffassung als „entwickelt“, modern und „zivilisiert“ beschreibt und auf der anderen Seite den „Nicht-Westen“ oder „Globalen Süden“, der nach der Auffassung des Westens, eher „unterentwickelt“ und „unzivilisiert“ dargestellt wird. Der Westen sah es über Jahrzehnte als Aufgabe an, den Globalen Süden dabei zu unterstützen sich nach dem westlich-europäischen Idealbild „weiterzuentwickeln“ und dort gegen Armut und Hunger anzukämpfen. Wenn man sich jedoch die Lebensverhältnisse in Ländern und Gesellschaften des Globalen Südens wie beispielsweise in Lateinamerika anschaut, wird offensichtlich, dass der Westen jahrzehntelang daran gescheitert ist. Manuela Boatcặ betont im Interview, „dass in den letzten Jahrzehnten die globale Ungleichheit enorm zugenommen hat“, obwohl einer der Ziele, der Entwicklungspolitik, die Bekämpfung globaler Ungleichheit war und auch immer noch ist.
Globale Entwicklungsziele, die die Vereinten Nationen bereits im Jahr 2000 formuliert hatte, die so genannten Millenium Development Goals (MDGs) wurden bis zur geplanten Erreichung in 2015 nicht umgesetzt. Dennoch startete die UN mit den SDGs einen neuen Versuch, die Ziele (des Westens) bis 2030 weltweit umzusetzen. Diesmal ist das Ziel aber nicht nur „Entwicklung“ für den Globalen Süden, sondern nachhaltige Entwicklung für alle. Frau Boatcặ kritisiert die SDGs, da sie den Anschein hinterlassen, dass wir mit den bisherigen Millenniumszielen schon ein ganzes Stück vorangekommen seien und das man jetzt nur noch an der Nachhaltigkeit dieser Ziele arbeiten müsse. Dabei, so sagt Frau Boatcặ, werden Probleme wie Ungleichheit „täglich schlimmer“. Darüber hinaus weist sie daraufhin, dass es Paradox sei, den eurozentristischen Entwicklungsgedanken, der sich hauptsächlich auf wirtschaftliches Wachstum fokussiert, und Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden. Denn um nachhaltige Ziele zu erreichen, müsse man sich zunächst von dem bestehenden Entwicklungsgedanken lösen. „Das Problem des Entwicklungsgedanken“, so sagt Manuela Boatcặ, „hat etwas damit zu tun, dass es in einem System, indem Entwicklung auf Kosten von Unterentwicklung passiert, es immer einen Nullsummenspiel bleibt. Es ist Entwicklung auf Kosten anderer.“ Auch die Post-Development- Ansätze, die den Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Entwicklungsdenken, Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit untersuchen, betrachten den ‚aktuellen‘ und eurozentristischen Entwicklungsdiskurs aus einer kritischen Perspektive und fordern, wie das ‚Post‘ schon andeutet, das Ende der bestehenden Entwicklungspolitik. Ähnlich wie bei den postkolonialen Ansätzen, die sich mit den bestehenden kolonialen Strukturen beschäftigen und sich insbesondere mit der eurozentrischen Wissensproduktion und den globalen Machtverhältnissen auseinandersetzen, setzten sich die Post- Development-Ansätze ebenfalls mit diesen Aspekten auseinander und beziehen sie auf den Entwicklungsdiskurs. Die Autor*innen der Post-Development-Ansätze bemängeln das Verständnis des Entwicklungsleitbilds, wenn von der Unterscheidung zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern bzw. Gesellschaften gesprochen wird.
Bereits 1995 forderte der kolumbianisch-amerikanischer Anthropologe, Arturo Escobar, statt „Alternative Entwicklung, Alternativen zur Entwicklung”. Diese Forderung wurde jedoch, trotz jahrelanger Kritik gegen den Entwicklungsdiskurs, nicht in den SDGs realisiert. Frau Boatcặ argumentiert, dass die SDGs weit davon entfernt seien, die Kritik der Post-Development-Ansätze umzusetzen. Bereits am Begriff „Development“ ließe sich erkennen, dass die Sustainable Development Goals weit davon entfernt seien, sich vom Entwicklungsgedanken zu distanzieren.
Die UN möchte mit den SDGs für eine weltweite Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung, nicht nur auf ökologischer, sondern auch auf sozialer und ökonomischer Ebene sorgen. Damit soll erreicht werden, dass natürliche Ressourcen nachhaltig genutzt werden, Wirtschaftswachstum gefördert wird, sowie Ungleichheiten und Armut reduziert werden. Doch ob es der UN mit diesen ‘neuen’ Entwicklungsbemühungen möglich ist, ihre Ziele umzusetzen und zu realisieren, ist fraglich.
Besonders wird das Problem zur Nachhaltigkeit, Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit am Umgang, also am Verbrauch und der Gewinnung natürlicher Ressourcen deutlich. Beim Verständnis der Entwicklungszusammenarbeit und nachhaltigen Entwicklung, so Manuela Boatcặ, geht es nach heutiger Definition nicht mehr um “Hilfe”. Ein Perspektivwechsel ist und war nötig; es muss fortan um eine Kooperation, um eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Staaten des Globalen Südens und Globalen Nordens gehen. In der Realität kann jedoch von gleichberechtigter Partnerschaft und Zusammenarbeit keine Rede sein, wenn Hierarchien fortbestehen und der Globale Norden durch das Konfliktfeld Rohstoffabbau die noch immer bestehenden postkolonialen Machtverhältnisse verfestigt. Der Bedarf an Rohstoffen ist groß und die Nachfrage wird immer größer. Nicht nur der Abbau und die Förderung fossiler Brennstoffe, auch die Gewinnung metallischer und nicht metallischer Rohstoffe ist deshalb rasant angestiegen und wird auch in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Lateinamerika ist einer der führenden Exporteure für metallische und fossile Rohstoffe. Ein Großteil an Kupfer und Erdöl wird im Globalen Süden abgebaut und in den Globalen Norden exportiert. Deshalb wird der vehemente Ruf nach gerechter und nachhaltiger Verteilung auch immer größer. Chile und Venezuela sind die Spitzenreiter für Kupfer- und Ölexporte in den Globalen Norden. Europäische als auch nordamerikanische Unternehmen bauen Rohstoffe in großen Mengen für die eigene inländische (Weiter-) Produktion ab. Als Folge dessen, regt sich jedoch in den letzten Jahren und Jahrzehnten der Widerstand gegen den Abbau von Rohstoffen durch große Unternehmen in Gesellschaften des Globalen Südens. Missachtung von Selbstbestimmungsrechten der indigenen Bevölkerung, schlechte Arbeitsbedingungen und Entlohnung, Enteignung von Ländereien oder die Verschmutzung des Grundwassers sind Auswirkungen, die mit dem Abbau der Rohstoffe einhergehen. Gerade durch die Forderung nach territorialer Selbstbestimmung auch durch die indigene Bevölkerung, macht das nach wie vor bestehende Machtverhältnis deutlich und dabei werden solche gesellschaftlichen wie auch ökologischen Probleme in den nächsten Jahren immer weiter zunehmen. Im Zuge dessen, zahlen lateinamerikanischen Staaten einen hohen Preis, nicht nur, weil sie sich zum Ausverkauf für Unternehmen aus dem Globalen Norden ins Schaufenster stellen, sondern weil sie damit postkoloniale Stigmata vollends erfüllen.

Foto: Die Kupfermine Chuquicamata in Chile (https://www.flickr.com/photos/magnusvk/4482449018)

Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung sehen nach dem Verständnis der UN, wie es eingangs beschrieben wurde, ganz anders aus. Der Rohstoffabbau als Beispiel trägt somit nicht dazu bei, dass Ressourcen nachhaltig genutzt und Ungleichheiten reduziert werden; im Gegenteil, er fördert indes weiter soziale Probleme, wie Ungleichheit, Armut und Selbstbestimmungsrechte der Bevölkerung.
Zusammenfassend zeigt sich, dass es schwer ist von nachhaltiger Entwicklung und insbesondere von Entwicklungszusammenarbeit zu sprechen, wenn noch immer postkoloniale Machtverhältnisse und Hierarchien tief im Bewusstsein, im alltäglichen Handeln und auch im eurozentristischen Entwicklungsgedanken verankert sind. Man geht heutzutage zwar davon aus, dass der Kolonialismus ein Phänomen vergangener Zeit sei, bei genauer Betrachtung sind Raubbau und Ausbeutung, wie das Beispiel am Rohstoffabbau in Lateinamerika zeigt, immer noch allgegenwärtig. Und sowohl früher als auch heute werden die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Kosten der bestehenden Machtverhältnisse und kolonialen Strukturen von den Menschen im Globalen Süden getragen. Vor diesem Hintergrund argumentieren wir, dass die SDGs aus postkolonialer Perspektive ein zum Scheitern verurteiltes Projekt sind. Die SDGs sind keine, wie Escobar forderte, „Alternative zur Entwicklung“, sondern maximal eine „alternative Entwicklung“, die die kolonialen Strukturen und Machtverhältnisse zwischen Nord und Süd reproduziert, anstatt diese zu lösen.

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