Geschlechtergleichheit in den SDGs – aber für wen? Eine Perspektive auf LGBTIQ-Rechte und Gewalt in Lateinamerika
Geschlechtergleichheit in den SDGs – aber für wen? Eine Perspektive auf LGBTIQ-Rechte und Gewalt in Lateinamerika

Geschlechtergleichheit in den SDGs – aber für wen? Eine Perspektive auf LGBTIQ-Rechte und Gewalt in Lateinamerika

Geschlechtergleichheit in den SDGs – aber für wen? Eine Perspektive auf LGBTIQ-Rechte und Gewalt in Lateinamerika

Ein Beitrag von Helena Britzke, Christoph Broer, Constantin Paul

Im Vorfeld dieses Beitrags haben wir mit Prof. Dr. Anika Oettler über Ziel 5 der SDGs, LGBTIQ-Rechte und Gewalt in Lateinamerika gesprochen. Sie ist seit 2009 Professorin für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem soziale Ungleichheiten, Transitional Justice, sowie Gewalt- und Geschlechterverhältnisse in Lateinamerika. Das Interview bildet die Grundlage dieses Blogbeitrags.

Geschlechterverhältnisse in Lateinamerika sind durch eine Paradoxie gekennzeichnet. Auf der einen Seite haben Femizide, das heißt die Ermordung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts, und die Gewalt gegen Frauen und queere Personen in den letzten Jahren stark zugenommen. Auf der anderen Seite haben soziale Bewegungen in einigen Ländern weitreichende Rechte für Frauen und Angehörige der LGBTIQ-Community erkämpft. Inwiefern internationale Normen Einfluss auf die Etablierung von Rechten haben, ist eine Frage, die uns beschäftigt hat. Hierfür haben wir uns mit den Sustainable Development Goals (SDGs) auseinandergesetzt und uns dem Ziel 5 „Geschlechtergleichheit“ gewidmet. In diesem Beitrag gehen wir zunächst der Frage nach, inwiefern die SDGs überhaupt auf die Bildung und Transformation von Normen Einfluss nehmen können. Außerdem geben wir eine kritische Perspektive auf das SGD 5 und seine Unterziele, wie z.B. die „Eliminierung aller Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, […] sowie gleichberechtigte Partizipation auf allen Ebenen“. Unser Fokus liegt dabei auf den LGBTIQ-Rechten und einer queeren Perspektive, da uns beim Betrachten des Ziels Geschlechtergleichheit auffiel, dass weder LGBTIQ-Rechte noch queere Perspektiven in dem Ziel zu finden sind.

Beginnen wir also mit der grundlegenden Frage danach, wie sich externer Einfluss auf die Bildung und Transformation von Normen innerhalb eines Landes auswirkt. Prof. Dr. Anika Oettler betont, dass internationale Normen nicht einfach „auf globaler Ebene entstehen und dann wie ein trickle-down Effekt“ auf Länder und Gesellschaften herunterrieseln, sondern die Normbildung immer ein „ko-konstitutiver Prozess“ ist. Das bedeutet, dass es z.B. durch die SDGs oft Normenbildungsprozesse auf internationaler Ebene gibt, Normen jedoch gleichzeitig auf nationaler Ebene erkämpft und verändert werden. Dies hat auch viel mit der Frage der Gerichtsbarkeit eines Landes zu tun. In Kolumbien ist die LGBTIQ-Gesetzgebung beispielsweise auch deswegen so weit fortgeschritten, weil das kolumbianische Verfassungsgericht hierzu lange Jahre progressive Positionen vertrat und einen starken Einfluss besitzt. So konnten sich Gesetzgebungsprozesse entwickeln, obwohl es auf der Ebene der politischen Auseinandersetzung noch keinen Konsens über diese Rechte gab. Entscheidend hierfür war der öffentliche Druck. Seit den 2000er Jahren forderte die kolumbianische LGBTIQ-Bewegung – auf der Straße und im Parlament – die Rechte von LGBTIQ-Personen vehement ein. Durch Koalitionen mit progressiven Abgeordneten und mit Personen aus dem Justizsystem schafften sie es die entsprechenden Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringen. Ein anderes lateinamerikanisches Land, in dem sich LGBTIQ-Personen auf weitreichende Rechte beziehen können, ist Argentinien.
In beiden Ländern treffen starke soziale Bewegungen auf eine progressive Geschlechterpolitik, was den Normenwandel begünstigte. Das Zusammenspiel von starker Zivilgesellschaft und staatlicher Politik ist einer der wichtigsten Gründe, wieso es überhaupt zu einem derartigen Wandel kommt.

Photo by Mercedes Mehling on Unsplash

Die supranationale Ebene kann hierfür ein wichtiger Referenzpunkt sein, nicht mehr und nicht weniger. Umgekehrt beeinflussen nationale und lokale Prozesse die Herausbildung supranationale Normen. Das heißt, zwischen der supranationalen Ebene, mit den SDGs, der nationalen Ebene mit Regierungen, Parlamenten und Justizbehörden sowie sozialen Bewegungen und gesellschaftlichen und juristischen Auseinandersetzung besteht eine Wechselbeziehung. Doch wie sieht es inhaltlich in Bezug auf die LGBTIQ-Rechte und eine queere Perspektive in den SDGs aus?

In Ziel 5 der SDGs, dem Ziel der Geschlechtergleichstellung, fällt zunächst auf, dass ausschließlich von Frauen und Mädchen gesprochen wird. Gewalt und Ungerechtigkeiten in Lateinamerika richten sich jedoch nicht nur gegen Frauen und Mädchen, sondern auch gegen Mitglieder der LGBTIQ-Community. Das Problem liegt nicht nur an den Gesetzgebungen der einzelnen Länder, und wie diese die lokalen LGBTIQ-Communities schützen könnten. Das Problem liegt auch darin, wie der Diskurs auf der Grundlage des SDG 5 geführt wird, da hier an einer binären Geschlechtervorstellung festgehalten wird, die andere Geschlechtsidentitäten wie trans-, inter- und nichtbinäre Personen ausschließt. Und das, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse längst belegt haben, dass eine zweigeschlechtliche Gendernorm der Realität nicht entspricht. Während das SDG 5 die Aufmerksamkeit vor allem auf Frauen und Mädchen richtet, wird also vergessen, dass diese nicht die alleinigen Betroffenen geschlechtsspezifischer Gewalt sind. Wichtige Fragen bei der Operationalisierung der Kategorien „Frauen“ und „Mädchen“ sind: Wer charakterisiert auf welcher Grundlage das Geschlecht einer Person und wie werden z.B. Transpersonen in den Unterpunkten der SDGs eingeordnet?

Anika Oettler betont, dass obwohl die wissenschaftliche, queer-feministische und intersektionale Debatte sehr weit fortgeschritten ist, auf internationaler Ebene weiterhin von einem binären Geschlechterverhältnis ausgegangen wird. Trans-, inter- und nichtbinäre Personen werden somit aus dem Diskurs ausgeschlossen. Wenn eine weltweit handelnde, überstaatliche Organisation wie die Vereinten Nationen sich für den Schutz der LGBTIQ-Community aussprechen würde, wäre dies zwar noch kein Garant für mehr LGBTIQ-Rechte. Jedoch würde immerhin ein internationales Zeichen gesetzt werden, welches zur Folge hätte, dass Menschen, die sich nicht in der binären Geschlechterordnung wiederfinden, in der Agenda 2030 sichtbar würden.

Doch wie könnte das SDG 5 umformuliert werden, um so auch die LGBTIQ-Community mit einzuschließen? Lösungsansätze gibt es auch hierzu von Prof. Dr. Oettler. Sie ist der Auffassung, dass sich bei vielen der Indikatoren des SDG auch LGBTIQ-Rechte einbauen ließen. Als ein Beispiel nennt sie Femizide als Indikator für gegen Frauen gerichtete Gewalt. Auch hier sollte die Gewalt gegen inter-, trans-, und nichtbinäre Personen mitgedacht werden. Neben dem Schutz vor Gewalt, ist die politische Beteiligung und Partizipation eines der wichtigsten Themen, um Geschlechtergleichheit zu erreichen. In vielen Ländern, auch in den Ländern Lateinamerikas, haben die Mitglieder der LGBTIQ-Community, jedoch auch anderer marginalisierter Gruppen, nicht die nötigen Möglichkeiten, sich an politischen Prozessen zu beteiligen. Anika Oettler sagt, dass es wichtig wäre, hierzu politische Debatten in den Ländern Lateinamerikas anzustoßen, an denen die marginalisierten Gruppen teilnehmen und somit ihre Vorstellungen einbringen können.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Vereinten Nationen die Chance verpasst haben, eine inklusive Zielformulierung vorzunehmen. Die Reproduktion von Zweigeschlechtlichkeit innerhalb des SDG 5 ignoriert diverse Geschlechtsidentitäten und versäumt somit eine angemessene und progressive Normenbildung, welche auch – zumindest vereinzelt – zum Vorbild nationaler Gesetzgebungen hätte werden können. Fest steht: Für eine inklusive und emanzipatorische Normentwicklung, ausgehend von den SDGs, muss eine nichtbinäre Perspektive einbezogen werden.

Bildquelle:
https://unsplash.com/photos/7J7x8HLXQKA

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung